Evolas Rezeption in Italien

Julius Evola,  Revolte gegen die moderne Welt Als Julius Evola am 11. Juni 1974 starb, wurden seine Bücher von einem großen Teil der rechtsgerichteten Jugend Italiens gelesen. Der traditionalistische Gedanke Evolas war seit den ersten Nachkriegsjahren ein zentraler Bezugspunkt für jene gewesen, die das Schicksal der Dekadenz und der spirituellen Zerstörung des Landes und der gesamten Welt nicht akzeptierten. Bekanntlich, und wie Evola oft schrieb, verloren nicht nur die geschlagenen Länder Teile ihres Gebietes, Prestiges und internationaler Autorität, sondern alle europäischen Länder verloren in wenigen Jahren ihre Kolonialbesitzungen und Imperien (England, Frankreich, Portugal, Spanien) und büßten weiter an Einfluß ein, zugunsten der beiden Machtblöcke, des westlichen und des östlichen: der Welt von Las Vegas, Coca-Cola und Hollywood und des kommunistischen Imperiums.

Als Evola 1948 – nach Aufenthalten in verschiedenen Spitälern in Österreich und Italien – nach Rom zurückkehrte, traf er eine Gruppe junger Männer, “die sich nicht von dem allgemeinen Zusammenbruch mitreißen ließen.” (1) Unter diesen befanden sich Clemente Graziani (2), Fausto Gianfranceschi (3), Roberto Melchionda (4), G. A. Spadaro (5), Enzo Erra (6), Paolo Andriani (7), Rutilio Sermonti und Pino Rauti, der sich mit diesen Worten an seine Entdeckung Evolas erinnert: “Wir kannten ihn nicht. Während der faschistischen Herrschaft hatte er wenig Möglichkeiten öffentlich hervorzutreten, obwohl seine Aufsätze, die er in “Diorama” schrieb, meiner Ansicht nach, eine großartige Sache waren. Aber wir hatten das kulturelle Leben des Faschismus gänzlich ignoriert. Wir entdeckten Evola während einer unserer zahlreichen Gefängnisaufenthalte. Wir lasen die ‘Rivolta contro il mondo moderno’, die für uns eine entscheidende Bedeutung hatte” (8).

Mit all diesen jungen Männern entwickelte Evola eine wichtige Verbindung: er schrieb für sie (die in den nächsten Jahren das Zentrum zahlreicher politischer und kultureller Aktivitäten waren(9)) in den ersten Nachkriegsjahren seine bedeutendsten politischen Essays. Dies war die junge und kulturelle Rechte, dem “Movimento Sociale Italiano” (MSI) nahestehend, und vor allem die Jugend von “Ordine Nuovo”: wie Evola schreibt, “Ordine Nuovo übernahm völlig meine Ideen” (10). Diese Jugend ging eine bevorzugte ideologische Beziehung mit Evola bis zum Tode des traditionalistischen Denkers ein.

In den nächsten Jahren besuchten auch Mario Merlino (11), Gianfranco De Turris (12), Gaspare Cannizzo (13), Renato Del Ponte (14) und vor allem auch Adriano Romualdi (15), der zweifellos der beste kulturelle Interpret (und der Autor der ersten Biographie) Evolas war, Evola regelmäßig in seiner Wohnung in Rom, Via Vittorio Emanuele.

Eine Fülle von Initiativen

Julius Evola, Die Große  Lust Viele italienische rechtsgerichtete Autoren wurden durch das Denken Evolas inspiriert. Aber er war dennoch ein einsamer Denker in einer Wüste, wie Adriano Romualdi schrieb: “Evola bildete einen notwendigen Bezugspunkt für die jungen Männer, die sich zwischen 1948 und 1968 in jenem verlassenen Land, das die kulturelle Rechte war, selbst bildeten. Eine Wüste, in der das Leben nicht so schlecht war: die kleinen Raubtiere hatten nichts zu nagen, und blaue Felsen von beeindruckender Gestalt begleiteten den Wanderer am Horizont. In dieser einsamen Landschaft ragte Evola mit dem scharfen Profil seiner Logik und der kristallinen Brillanz seines Stils hervor” (16).

Nach Evolas Tod zirkulierten seine Bücher weiterhin in den rechtsgerichteten Bewegungen Italiens und vor allem in den traditionalistischen Zentren. Oft waren (und sind) diese mit politischen Bewegungen verbunden, aber nicht immer. Wenn es nicht der Fall war (oder ist), so deswegen, weil die Mitglieder eine freie persönliche Haltung zur Politik einnehmen. Auch wenn manchmal die Lektüre von Evola eine Flucht vor der Politik bedeuten könnte, so doch nicht immer, entgegen der Auffassung Marco Tarchis, daß Evolas Bücher einen “(politik)unfähig machenden Mythos” darstellen.

Heute bestehen in Italien viele kulturelle, politische, traditionalistische und verlegerische Zentren, die mit Evolas Denken in Verbindung gebracht werden können. Selbstverständlich kann ich nicht alle nennen, aber einige kann ich erwähnen: zuallererst die “Fondazione Julius Evola”, die nach Evolas Tod gegründet wurde. Diese ist eine kulturelle Vereinigung ohne irgendwelchen politischen Verbindungen, die nur am Druck von Büchern von und über Evola und an der Organisation von Konferenzen über sein Denken interessiert ist. Der gegenwärtige Präsident ist Gianfranco De Turris. Seit 1998 veröffentlicht die Fondazione ein Jahrbuch mit dem Titel “Studi Evoliani”. Die Fondazione hat ihren Sitz in Rom im Buchladen “Europa”, dessen Name zugleich der eines größeren rechtsgerichteten Verlages ist. [Fondazione Julius Evola und Europa Libreria Editrice, Via Sebastiano Venerio 74, I-00192 Roma]

Noch zu Evolas Lebenszeit gründete Renato Del Ponte ein Centro Studi Evoliani, das viele weltweite Zweigstellen hatte. Obwohl das italienische Centro Studi nicht mehr existiert, sind manche der mit ihm verbundenen Gesellschaften noch aktiv (beispielsweise die argentinische). Renato Del Ponte veröffentlicht ein Periodikum namens “Arthos” (dies war auch ein von Evola verwendeter Name), der einer strengen “Evolianischen Orthodoxie” nahekommt. [Arthos, casella postale 60, I-54027 Pontremoli (MS); diese Zeitschrift steht der von H. T. Hansen in seinem Vorwort zu Schritte zur Initiation (Ansata 1997) näher charakterisierten traditionalistisch-römischen Bewegung “Movimento Tradizionalista Romano” nahe, zu dieser gehören: Associazione Romania Quirites, C. so Garibaldi 120, I-47100 Forli; und: Centro Studi Tradizionali ARX, Viale Italia 71, I-98124 Messina]

Katholische, islamische, heidnische Evolianer

Julius Evola, Grundlegung der  Initiation Ein anderes strikt orthodoxes Zentrum, das sehr aktiv ist und zahlreiche Mitglieder hat, ist “Raido”, mit Sitz in Rom, das ein gleichnamiges Magazin veröffentlicht. [Raido, Via Sciré 19, I-00199 Roma]

In Verbindung mit Raido (aber einige Jahre älter) ist das sizilianische Zentrum Il cinabro (ein weiteres Kennwort Evolas, das von ihm in seiner Autobiographie benutzt wurde). Das Zentrum hat eine Buchhandlung und ein vierteljährliches Magazin namens Heliodromos. [Edizioni Il Cinabro und Heliodromos, Via Crociferi 54, I-95124 Catania]

Ein zweites wichtiges sizilianisches Magazin ist Vie della Tradizione. Es handelt sich um eine seit 1971 von Gaspare Cannizzo geleitete Vierteljahreszeitschrift, die ein symbolischer Treffpunkt für alle traditionalistischen Strömungen ist, die Evolas Denken entsprungen sind: heidnisch und katholisch, islamisch und gnostisch, römisch und nordisch usw. [Vie della Tradizione, Via Autonomia Siciliana, 138, I-90143 Palermo]

Unter den Zeitschriften möchte ich auch auf “Algiza” hinweisen – die ich seit 1995 leite – und die Ausdruck des Centro Studi La Runa, einer traditionalistischen Vereinigung mit Sitz in Norditalien, in der Nähe Genuas, ist. [Centro Studi La Runa und Algiza, Via Ri Alto, 5, I-16043 Chiavari (GE)]

Eine erwähnenswerte Publikation sind auch die “Quaderni di Avallon”, veröffentlicht von Il Cerchio, einem weiteren traditionalistischen Verlag und Buchversand (eine der größeren katholischen Varianten der Evolianischen Weltsicht). [Il Cerchio und Quaderni di Avallon, via Gambalunga 91, I-47900 Rimini]

Ein sehr wichtiges rechtsgerichtetes Verlagshaus ist Edizioni di Ar, das vor mehr als dreißig Jahren von Franco Freda gegründet wurde: im Katalog finden sich Bücher von Evola, Spann, Spengler, Günther, Guénon, Meyrink, Bonnard, Codreanu, Romualdi, Drieu La Rochelle, Mishima, Sombart und auch Hitler. [Edizioni di Ar, Verlagszeitschrift Margini und Libreria Ar, Largo Dogana Regia, I-84121 Salerno].

Schließlich habe ich noch zwei weitere Verlagshäuser zu nennen: die Edizioni all´Insegna del Veltro, geleitet in Parma von Prof. Claudio Mutti (mit Interesse in Esoterik, Volkssagen und Traditionen, europäische Faschismen) [Edizioni all´ Insegna del Veltro, Via Osacca, 13, I-43100 Parma] und die Edizioni Barbarossa, die ihren Sitz in der Buchhandlung La bottega del fantastico in Milano haben und ein monatliches nationalrevolutionäres Magazin namens Orion herausgeben. [alle: via Plinio 32, I-20129 Milano]

Meiner Meinung nach verlor aber die traditionalistische Welt in Italien in diesen Jahren den Schlüssel der traditionalistischen Botschaft Evolas: eine Art von Alexandrinismus verdeckt den Geist der Botschaft. Nur wenn wir den Schlüssel wiederfinden, können wir hoffen, unserem Kampf Sinn zu geben, im Unterschied zu bloßer “Gelehrtheit”. Vielleicht könnte er in den indoeuropäischen Wurzeln unserer Zivilisation, Geschichte und Spiritualität verborgen sein.

Anmerkungen:

(1) J. Evola, Il cammino del cinabro, Vanni Scheiwiller, Milano 19722, p. 164.

(2) E. Massagrande, Per ventidue anni compagno di latitanza, in S. Forte, Clemente Graziani. La vita, le idee, Settimo sigillo, Roma 1997, p. 40.

(3) F. Gianfranceschi, L´influenza di Evola sulla generazione che non ha fatto in tempo a perdere la guerra, in G. De Turris (cur.), Testimonianze su Evola, Mediterranee, Roma 19852, pp. 130-134.

(4) R. Del Ponte, L´attivitá pubblicistica di Evola negli anni del secondo dopoguerra sino a “Ordine Nuovo”, in Convivium 17 (1994), p. 44.

(5) Spadaro war der erste Präsident der “Fondazione Julius Evola”. Siehe sein: La forza interiore, in “Raido”11/12 (1998), pp. I-II.

(6) E. Erra, Il mistero di Evola, in G. De Turris, Testimonianze su Evola, cit., pp. 248-259; R. Del Ponte, L´attivitá pubblicistica di Evola, cit., p. 45. Enzo Erra war seit Mai 1950 Leiter von “Imperium”, als das Magazin gegründet wurde. Für dieses “spirituelle und antisozialistische” Magazin schrieb Evola Orientamenti (Imperium, Roma 1950). Ähnliche Positionen wie “Imperium” vertrat das Centro Studi Ordine Nuovo, das von Pino Rauti 1954 gegründet wurde, der auch Schriftleiter von “Ordine Nuovo” war (dessen Untertitel lautete: Mensile di politica rivoluzionaria, “Monatszeitschrift für revolutionäre Politik”), für diese schrieb Evola zumindest elf Beiträge. Über die Geschichte von”Ordine Nuovo” informiert: Il movimento politico “Ordine Nuovo”. Precisazioni, in Noi 1 (1971), pp. 2-4 e 27-29; C. Graziani, Processo a “Ordine Nuovo”: processo alle idee, Roma 1972, passim; F. Ferraresi, La destra eversiva, in id. (ed.), La destra radicale, Milano 1984, pp. 62-66. Wie R. Del Ponte (L´attivitá pubblicistica di Evola, cit., p. 49 n. 28) schreibt: “Es darf das ‘Movimento Politico Ordine Nuovo’, eine außerparlamentarische Gruppe, die am 21 Dezember 1969 gegründet wurde, nicht mit dem “Centro Politico Ordine Nuovo” [hier meint Del Ponte vermutlich: “Centro Studi Ordine Nuovo”] verwechselt werden, das von Rauti geleitet wurde und sich im November des gleichen Jahres mit der MSI vereinte, obwohl das zweite vom ersten sich ableitete.”.

(7) Siehe beispielsweise: P. Andriani, Cambiare rotta, in “Imperium” II/1 (1951). Andriani war nach Prof. G.A. Spadaro der zweite Präsident der “Fondazione Julius Evola”.

(8) Aussagen P. Rautis in seinem Interview mit M. Brambilla, veröffentlicht in: Brambilla, Interrogatorio alle destre, Rizzoli, Milano 1995, p. 25.

(9) Außer “Imperium” sind aus jenen Jahren aus all den vielen nationalistischen, nostalgischen, soldatischen und faschistischen Zeitschriften wert erinnert zu werden “Asso di bastoni”, “Rosso e nero”, “Rataplan”, “Il Nazionale”, “Il meridiano d´Italia”, “Rivolta ideale”.

(10) Aussage von J. Evola in E. Antebi, Ave Lucifer, Calmann-Lévy, Paris 1970, jüngst ins Italienische übersetzt: Un´intervista a Julius Evola, in Heliodromos 6 (1995), p. 20.

(11) M.M. Merlino, Ed il vento racconta, in Raido 11-12 (1998), pp. II-V, besonders p. IV.

(12) M. Brambilla (cur.), Interrogatorio alle destre, cit., p. 152.

(13) J. Evola, Lettere 1955-1974 (ed. R. Del Ponte), La Terra degli Avi, Finale Emilia 1995, pp. 95-113 und vor allem G. Cannizzo, Premessa zu J. Evola, Scritti per Vie della Tradizione 1971-1974, Vie della Tradizione, Palermo 1996, p. 7 und G. Cannizzo, Il consigliere silenzioso, in G. De Turris (ed.), Testimonianze su Evola, cit., p. 69-71.

(14) J. Evola, Lettere 1955-1974 (cur. R. Del Ponte), cit., p. 155 n. 2.

(15) A. Romualdi, J. Evola: l´uomo e l´opera, cit. Über den Einfluß und die Rezeption Evolas in den folgenden Generationen siehe: M. Veneziani, Evola e la generazione che non ha fatto in tempo a perdere il Sessantotto, in G. De Turris (ed.), Testimonianze su Evola, cit., pp. 324-331; E. Nistri, Evola e la generazione che non ha fatto in tempo a perdere il Sessantotto, in “Studi evoliani” 1 (1998), pp. 120-131 (Nistri schreibt auf p. 125 über Gli uomini e le rovine: “In den MSI-Sektionen wurde zu Beginn der 70er die Lektüre dieses politischen Handbuchs als eine Art Initiationsritus betrachtet, als ein Beleg des persönlichen Wertes eines Mitglieds, als erster Schritt zur Beiziehung der kulturell am meisten versprechenden Mitglieder.”); A. Piscitelli, Evola e la generazione che non ha fatto in tempo a perdere un bel nulla perché ha giá perso tutto, in “Studi Evoliani” 1 (1998), pp. 132-138. Siehe auch: G. De Turris, Evola e le rovine elettroniche degli Anni Novanta, Einführung zu: J. Evola, Gli uomini e le rovine, Settimo Sigillo, Roma 19904, pp. I-XXXVIII.

(16) A. Romualdi, Idee per una cultura di Destra (1970), in: id., Una cultura per l´Europa, Settimo Sigillo, Roma 19962, p. 90.

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Aus: «Kshatriya Rundbrief» 9 (2000), pp. 1-3.

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Alberto Lombardo è stato tra i fondatori del Centro Studi La Runa e ha curato negli anni passati la pubblicazione di Algiza e dei libri pubblicati dall'associazione. Attualmente aggiorna il blog Huginn e Muninn, sul quale è pubblicata una sua più ampia scheda di presentazione.

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