Die USA ernten die Früchte ihres Staatsterrors. Interview mit Alain de Benoist über die Konsequenzen der Anschläge in Amerika

11settembreHerr Benoist, wie beurteilen Sie die Zerstörung der Türme des World Trade Center? Ist es möglich, den Ereignissen vom 11. September – bei allem Respekt vor dem menschlichen Leid – so etwas wie einen symbolischen Gehalt abzugewinnen?

Benoist: Die USA haben eine furchtbare menschliche Tragödie erlebt. Diese Tragödie kann man nicht von dem politischen Kontext trennen, der sie alleine erklärbar macht. Natürlich muß man den Massenterrorismus ächten, der sich gegen Zivilbevölkerungen richtet. Genauso notwendig ist es aber, sich mit der Frage zu beschäftigen, was einen solchen Terrorismus hervorbringt. Die Wahrheit ist, daß das amerikanische Volk – ohne diese Logik zu durchschauen – nun am eigenen Leibe die Konsequenzen der verabscheuenswürdigen Außenpolitik zu spüren bekommt, die seine Regierungen seit Jahrzehnten verfolgt haben. Diese Politik hat weltweit ein solches Ausmaß an Elend, an Unglück und an Katastrophen produziert, daß ein Teil der Welt sie als Kriegserklärung aufgefaßt hat. Jetzt hat die extreme Vorhut dieses Teils der Welt ihrerseits den USA den Krieg erklärt. Sie hat dies mit ihren Methoden und ihren Mitteln getan, nämlich exzessiv, ohne Rücksicht auf das eigene Leben und das Leben anderer: Nur so können die Schwachen die Starken beeindrucken.

Was waren Ihrer Meinung nach die tatsächlichen Beweggründe der Terroristen?

Benoist: Ziel der Terroristen war es offenbar, Amerika zu erniedrigen – ihm zu zeigen, daß sein eigenes Territorium nicht länger sicher ist, indem man auf spektakuläre Weise die Wahrzeichen zerschlug, die am eindeutigsten seine Macht repräsentieren. Dieses Ziel ist ganz offensichtlich erreicht worden. Für Amerika war dies eine noch nie dagewesene Erniedrigung. Welche Folgen sie haben wird, ist im Moment schwer abzusehen. Am deutlichsten werden sie auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Finanzen und der internationalen Beziehungen spürbar sein, und zwar auj Jahre hinaus.

Glauben Sie, es wird von amerikanischer Seite zu Vergeltungsschlägen kommen, die dann eine Kettenreaktion auslösen?

Benoist: Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, daß die Amerikaner mit einer fürchterlichen exemplarischen Gewalt reagieren werden. Auf den Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941, der 2.400 Todesopfer forderte, erwiderten die USA mit dem Abwurf von Atombomben auf die japanische Zivilbevölkerung. Der Vergleich mit den Ereignissen in New York und Washington ist nicht falsch. Das Problem ist, daß man nicht weiß, wer diesmal die Rolle der Japaner spielt. Die ersten Nachforschungen gehen in Richtung der „islamistischen Bewegung“. Der Name Osama bin Ladens ist gefallen, von dem die Amerikaner schon seit Monaten besessen sind. Aber eine Bewegung ist niemals ausschließlich, nicht einmal ursächlich an einen Mann, eine Gruppe oder einen Staat gebunden. Sie ist ein Rauchschleier, ein Netz, das man nicht zu fassen bekommt. Die Ausschaltung bin Ladens würde Washington zwar Befriedigung verschaffen, aber natürlich würde dadurch nicht die „terroristische Bedrohung“ verschwinden. Tatsächlich ist Amerika von einem unsichtbaren und namenlosen Feind getroffen worden. Sein Angreifer waren „Netzwerke“. Im Zeitalter der Netzwerke kommt die Figur des Partisanen vollends zu ihrem Recht. Bei den Anschlägen auf New York und Washington handelt es sich um postmoderne Kriegshandlungen.

Besteht eine ernsthafte Gefahr, daß es in Europa zu einem ähnlichen Anschlag kommt, nachdem die Terroristen die – nicht zuletzt symbolische – Durchschlagkraft dieser Aktion erlebt haben?

Benoist: Kein Staat ist vor dem Terrorismus sicher. Wir haben gesehen, daß es so etwas wie eine unverletzliche Schutzzone nicht mehr gibt. Aber alle Staaten haben begriffen, daß es ihre Pflicht ist, die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten. Der beste Weg, dies zu erreichen, ist, eine absolut unabhängige Politik zu machen; im Notfall eigene Kriege zu führen, aber nicht die Kriege anderer. Für Europa besteht das größte Risiko darin, sich aus „Solidarität“ mit den USA zu einer unüberlegten Vergeltungspolitik gezwungen zu sehen. Eine solche Politik würde die Lage nur noch verschlimmern und dazu führen, daß schließlich auch Europa büßen müßte. Die Europäer müssen natürlich entschlossen gegen den Terrorismus vorgehen. Sie müssen aber auch den Mut haben, die USA, die seit Jahrzehnten einen Staatsterrorismus betrieben haben, wissen zu lassen, daß sie nun die Früchte dieser Politik ernten. Die zivilen Opfer der amerikanischen Bombardierung des Iraks, die irakischen Kinder, die an den Folgen des gegen ihr Land verhängten Handelsembargos starben, die serbischen Zivilisten, die den Nato-Bomben zum Opfer fielen, das Schicksal des palästinensischen Volkes – auch das sind menschliche Tragödien.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die politische Lage weltweit verändern, vor allem bezüglich der Beziehungen zwischen den USA, Europa und Rußland?

Benoist: Die USA werden nicht zögern, die Ereignisse der letzten Woche auszunutzen, um ihre Vormachtstellung gegenüber ihren Verbündeten auszubauen und jene kritischen Stimmen zum Schweigen zu bringen, die sich seit geraumer Zeit gegen sie erhoben haben, wenn man an den Nahen Osten, die Todesstrafe, die Umweltpolitik oder das internationale Abhörsystem Echelon denkt. Die USA haben sich angewöhnt, so zu tun, als stünden sie alleine für die Aufrechterhaltung der „Zivilisation“. Die Europäer müssen sie in aller Deutlichkeit spüren lassen, daß diese „Zivilisation“ nicht unbedingt die ihre ist und daß dieses Zivilisationsmodell vor allem nicht das einzige gültige sein kann. Im schlimmsten Fall, der vermutlich auch der wahrscheinlichste ist, würde Europa sich immer weiter aufs Eis eines Kampfes locken lassen, der sich von der „islamischen Terrorbewegung“ auf die arabisch-muslimischen Staaten ausweitet. Und ehe man sich versieht, richtet er sich gegen alle Staaten und Völker, die als „arrogant“ genug gelten, das amerikanische Zivilisationsmodell in Frage zu stellen. Zweifellos wird sich der russische Präsident Putin nicht lumpen lassen, den Kolonialkrieg, den er in Tschtschenien führt, mit der „islamischen Gefahr“ zu rechtfertigen. Eine Annäherung zwischen Israel und Rußland liegt schon seit längerem in der Luft, genauso wie eine Neuorientierung der russisch-amerikanischen Beziehungen.

Wie werden sich die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit – die Rassismus-Konferenz in Durban und die terroristischen Angriffe – auf die Krise im Nahen Osten auswirken?

Benoist: Der größte Nutznießer der Anschläge vom 11. September scheint mir die israelische Regierung zu sein. Sie kann sich damit der Kritik erwehren, die seit Monaten gegen sie erhoben wird, und jegliche Zwangsmaßnahmen gegen die Palästinenser als „Kampf gegen den Terror“ verteidigen – handle es sich um ein Wirtschaftsembargo gegen das Palästinensergebiet, um Attentate, Bombenangriffe oder die Zerstörung von Gebäuden. Jede Möglichkeit, in diesem Konflikt zu einer vernünftigen Lösung zu kommen, ist erst einmal dahin. Im übrigen rächt sich nun auch die inkonsequente Politik der USA gegenüber der arabisch-muslimischen Welt. Vergessen wir nicht, daß die afghanischen Taliban anfangs von den USA unterstützt wurden, um gegen die russische Armee zu kämpfen, und daß bin Laden selbst – tragische Ironie – ausgebildet wurde! Langfristig laufen wir Gefahr, daß es zu einer weltweiten kriegerischen Ausweitung des Szenarios „Dschihad versus McWorld“ kommen wird. Meine Haltung ist, daß wir uns dem „Heiligen Krieg“ verweigern müssen, ohne dadurch zu Instrumenten der McWorld zu werden.

Dieses Interview von Alberto Lombardo mit Alain de Benoist erschien letzte Woche in der von Umberto Bossi in Mailand herausgegebenen italienischen Tageszeitung „La Padania – La Voce Del Nord“. Sorge: JUNGE FREIHEIT 39/01 – 21. September 2001.

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Da oltre trent'anni, Alain de Benoist conduce metodicamente un lavoro di analisi e riflessione nel campo delle idee. Scrittore, giornalista, saggista, conferenziere, filosofo, ha pubblicato oltre 50 libri e più di 3000 articoli, oggi tradotti in una quindicina di lingue diverse. I suoi argomenti d'elezione sono la filosofia politica e la storia delle idee, ma è anche autore di numerose opere in materia di archeologia, tradizioni popolari, storia delle religioni e scienze umane.

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